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29. Oktober 2026

Wir warten alle auf etwas

Das dritte Türchen ist gerade offen.

Die Geschichte ist vorgelesen, die Klasse packt schon die Hefte aus. Und ein Kind sagt leise, mehr zu sich selbst als zu dir: Wir feiern kein Weihnachten.

Vielleicht feiert die Familie andere Feste. Vielleicht gar keine. Vielleicht weißt du es auch längst und hast trotzdem kurz nicht gewusst, was du jetzt sagen sollst.

Zwei Wege liegen nahe.

Der eine: Weihnachten ganz aus dem Klassenzimmer lassen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Der andere: Das macht doch nichts, du kannst trotzdem mitmachen. Und weiter im Text.

Beide sind gut gemeint. Und beide gehen ein kleines bisschen an dem vorbei, was das Kind gerade gesagt hat.

Denn es hat nicht gefragt, ob es mitmachen darf. Es hat gesagt, wer es ist.

Ein Kind schaut im Klassenzimmer aus dem Fenster mit Papierschneeflocken, daneben hängt ein Kalender aus illustrierten Karten an Ästen

Was eine Studie mit Geschichten über Freundschaft gezeigt hat

2006 hat ein Forschungsteam um Lindsey Cameron und Adam Rutland in England 253 Kindern zwischen 5 und 11 Jahren Geschichten vorgelesen. Sechs Wochen lang, einmal pro Woche, in kleinen Gruppen von zwei oder drei Kindern.

In den Geschichten ging es um Freundschaften zwischen englischen Kindern und geflüchteten Kindern. Die Kinder, die zuhörten, waren alle weiß und englisch. Geflüchtete Kinder gab es an ihren Schulen kaum.

Das Besondere: Die Geschichten waren in drei Versionen geschrieben.

In der ersten ging es vor allem um die einzelnen Kinder. Wer gut Fußball spielt, wer Tiere mag.

In der zweiten ging es um das Gemeinsame. Alle Figuren gingen auf dieselbe Schule wie die zuhörenden Kinder, sogar die Lehrkräfte in der Geschichte hatten dieselben Namen. Wir sind alle eine Schule.

Und in der dritten ging es um beides. Die gemeinsame Schule – und dass die einen englisch sind und die anderen geflüchtet, mit allem, was dazugehört. Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurden nach dem Vorlesen offen besprochen.

Nach allen drei Versionen dachten die Kinder freundlicher über geflüchtete Kinder als eine Vergleichsgruppe ohne Geschichten.

Am deutlichsten aber nach der dritten.

In der Forschung heißt das duale Identität. Übersetzt: Wir gehören zusammen. Und du bleibst dabei du.

Wir sind doch alle gleich ist ein schöner Satz. Aber für ein Kind, das gerade gesagt hat, dass es anders feiert, kann er sich anfühlen, als wäre das Andere nicht so wichtig. Die Studie deutet darauf hin, dass Verbindung eher entsteht, wenn beides Platz hat.

Ehrlich eingeordnet: In der Studie ging es um geflüchtete Kinder, nicht um Religion oder Feste. Gemessen wurde vor allem, wie die Kinder über die andere Gruppe dachten – ob sie auch mehr mit geflüchteten Kindern unternehmen wollten, hat sich viel weniger deutlich verändert. Und die Gruppen waren mit zwei oder drei Kindern viel kleiner als eine Klasse. Die Studie zeigt eine Richtung. Was sie im Dezember in deinem Raum bedeutet, siehst du selbst.

Was du in dem Moment sagen kannst

Du musst nicht sofort die richtige Antwort haben. Oft reicht ein Satz, der zeigt: Ich habe dich gehört.

Danke, dass du das erzählst. Bei manchen Familien ist Weihnachten ein großes Fest, bei manchen nicht. Hier in der Klasse warten wir im Dezember trotzdem alle zusammen – auf den Winter, auf die Ferien und auf das nächste Türchen.

Und später, wenn die anderen schon arbeiten, vielleicht noch leise und nur für das Kind:

Magst du mir irgendwann erzählen, was ihr zu Hause feiert? Nur wenn du möchtest.

Wer möchte, erzählt. Wer nicht möchte, muss es nie.

Was gut gemeint ist und trotzdem schwer werden kann

Das Kind spontan vor allen erklären zu lassen, wie seine Religion funktioniert. Erzähl doch mal allen, wie das bei euch ist. Für manche Kinder ist das ein schöner Moment. Für andere ist es eine Bühne, auf die sie nicht wollten.

Das Kind zum Grund zu machen, warum etwas wegfällt. Wir lassen das Weihnachtslied dieses Jahr weg, wegen … Dann ist es nicht mehr dabei, sondern schuld.

Und das Gefühl, es jetzt allen recht machen zu müssen. Musst du nicht. Ein Advent, in dem ein Kind anders feiert, ist kein Advent, den du falsch geplant hast.

Die Idee für morgen früh: ein Kalender, der vom Warten erzählt

Was alle Kinder im Dezember teilen, ist selten das Fest. Es ist das Warten.

Die Tage werden kürzer.
Es wird kalt.
Draußen ist es dunkel, wenn ihr anfangt.
Und irgendwann kommen die Ferien.

Ein Klassenkalender, der davon erzählt, gehört allen. Ein paar Möglichkeiten:

  1. Einige Türchen drehen sich um den Winter selbst: der erste Frost, die längste Nacht des Jahres, ein Tier, das sich gerade einen Bau sucht.
  2. Ein Türchen kann davon erzählen, dass in vielen Kulturen im Winter Lichter angezündet werden. Chanukka zum Beispiel beginnt 2026 am Abend des 4. Dezember. So kommen Feste vor, ohne dass ein einzelnes Kind sie erklären muss.
  3. Wenn du magst, bekommen die Familien eine kurze, freiwillige Einladung: Gibt es bei euch im Winter etwas, das ihr gern macht? Ein Essen, ein Lied, ein Spiel? Was zurückkommt, kann ein eigenes Türchen werden. Was nicht zurückkommt, fehlt niemandem.
  4. Und Weihnachten darf trotzdem vorkommen. Als eines von mehreren Dingen, auf die im Dezember gewartet wird – nicht als das eine, um das sich alles dreht.

Du kennst deine Klasse. In manchen Gruppen feiert fast niemand Weihnachten, in anderen fast alle. Der Kalender darf so aussehen, wie es zu euch passt.

Ein Fall ist ein bisschen anders: Manche Familien möchten nicht, dass ihr Kind an Festen teilnimmt. Dann ist das ein ruhiges Gespräch mit den Eltern, nicht eine Lösung, die das Kind vor der Klasse finden muss. Oft gibt es eine Rolle, die passt – beim Kalender helfen, ohne mitzufeiern, zum Beispiel.

Probier es aus. Und achte darauf, welches Kind zum ersten Mal von zu Hause erzählt, ohne dass du gefragt hast.

Wie der Kalender selbst zum Ritual wird, steht in Ein Türchen für alle.

Quellen

  • Cameron, L., Rutland, A., Brown, R. & Douch, R. (2006). Changing children’s intergroup attitudes toward refugees: Testing different models of extended contact. Child Development, 77(5), 1208–1219.