Und warum ausgerechnet Geschichten?
Weil Geschichten etwas können, das Ermahnungen nicht können. Und dazu gibt es eine Studie, die mich ziemlich überrascht hat.
2014 hat ein Team um Kang Lee 268 Kindern zwischen 3 und 7 Jahren eine kleine Versuchung gestellt. Sie sollten ein Spielzeug nur am Geräusch erraten. Dann verließ die Versuchsleitung kurz den Raum und bat die Kinder, sich das Spielzeug in der Zwischenzeit nicht anzusehen.
Die meisten haben es trotzdem getan.
Nach der Rückkehr gab es eine Geschichte zum Vorlesen. Und erst danach kam die Frage, ob jemand geschaut hatte.
Pinocchio, dem beim Lügen die Nase wächst, änderte nichts. Der Hirtenjunge, der so oft Wolf ruft, bis ihm niemand mehr glaubt, auch nicht.
Ehrlicher wurden die Kinder nach einer ganz anderen Geschichte: einer amerikanischen Legende, in der der kleine George Washington den Kirschbaum seines Vaters fällt, es zugibt – und der Vater sich über die Ehrlichkeit mehr freut, als er sich über den Baum ärgert. Diese Kinder sagten dreimal so häufig die Wahrheit wie die anderen.
Das Forschungsteam hat die Washington-Geschichte dann umgeschrieben, sodass sie mit einer Strafe endete. Und der Effekt war weg.
Die Kinder haben also weniger daraus gelernt, was passiert, wenn man etwas falsch macht. Und mehr daraus, was Gutes bringt.
Auch hier gilt: Es war ein einziger Versuch, gleich nach der Geschichte. Ob so etwas über Wochen wirkt, zeigt die Studie nicht, das sagen die Forschenden selbst. Und es ging um Ehrlichkeit, nicht um Teilen oder Rücksicht. Aber die Richtung ist bemerkenswert: Eine Geschichte, die zeigt, was Freundlichkeit bewirkt, erreicht Kinder offenbar eher als eine, die warnt.