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29. Oktober 2026

Danke für dein Gewitter

Die Runde ist fast durch.

Sonne. Sonne. Ein paar Wolken. Ein Kind zeigt Regenbogen, weil es heute Geburtstag hat.

Und dann zeigt eins Gewitter.

Ohne etwas zu sagen. Es legt die Karte hin, schaut kurz zu dir und dann sofort wieder auf den Boden.

Für einen Moment ist der Kreis sehr still.

Zwei Sätze liegen in so einem Moment ganz nah.

Oh, was ist denn los?

Oder: Das wird bestimmt gleich besser.

Beide kommen aus demselben Wunsch. Du willst, dass es dem Kind gut geht. Und zwar möglichst schnell.

Ich glaube, genau das ist der Punkt, an dem man kurz innehalten kann.

Denn was das Kind in diesem Moment braucht, ist selten eine Lösung. Es ist das Zeichen, dass das Gewitter da sein darf.

Ein Kind malt im Klassenzimmer ein Bild mit einem Haus, einem Baum und einer großen dunklen Gewitterwolke

Warum der erste Satz nicht trösten muss

In einer Studie, die 1996 erschienen ist, hat ein Forschungsteam um John Gottman an der University of Washington Familien mit fünfjährigen Kindern begleitet. Die Frage war: Wie gehen Eltern mit den schweren Gefühlen ihrer Kinder um – und was macht das mit den Kindern?

Das Team hat zwei Grundhaltungen beschrieben.

Die einen Eltern versuchten, Traurigkeit oder Wut möglichst schnell wegzubekommen. Ablenken, beruhigen, übergehen. Ist doch nicht so schlimm.

Die anderen nahmen das Gefühl erst einmal wahr. Sie halfen dem Kind, ein Wort dafür zu finden, und sahen den Moment als Gelegenheit, näher zusammenzukommen.

In der Forschung heißt das zweite emotion coaching.

Drei Jahre später, mit acht, wurden die Kinder dieser Eltern von ihren Lehrkräften als sozial kompetenter eingeschätzt.

Das passt zu dem, was im ersten Artikel über das Gefühlswetter stand: Ein Gefühl wird kleiner, wenn es einen Namen bekommt. Wer es schnell wegtröstet, nimmt dem Kind manchmal genau diesen Moment.

Aber ehrlich eingeordnet: Die Studie wurde mit Familien gemacht, nicht in Klassenzimmern. Sie hat beobachtet, nicht verglichen – ob das Coaching die Ursache war oder ob andere Dinge in diesen Familien mitgespielt haben, kann sie nicht sicher sagen. Und Eltern zu Hause haben ein Kind vor sich, keine 24.

In England wird Emotion Coaching inzwischen auch in Schulen und Kitas erprobt. Eine erste Pilotstudie dazu gab es 2015, mit 127 Fachkräften in einer ländlichen Region. Das ist ein Anfang, kein Beweis. Die Richtung ist trotzdem bemerkenswert.

Der kleine Dreh: erst danke, dann weiter

Was du im Morgenkreis schon machst, bleibt. Es kommt nur ein Satz davor.

So kann es laufen:

  1. Vor allen nur ein kurzer Satz. Danke, dass du dein Gewitter zeigst. Das darf heute da sein. Und dann geht die Runde weiter. Kein Nachfragen vor der Gruppe, kein Scheinwerfer.
  2. Später, leise und nur für das Kind. Wenn die anderen arbeiten, beim Händewaschen, auf dem Weg in die Pause: Ich hab gesehen, bei dir gewittert es heute. Ist es eher Donner oder eher dunkle Wolken? Das Wetterbild hilft auch hier. Das Kind muss nicht erklären, warum. Es darf nur sagen, wie.
  3. Wenn es nichts sagen möchte, ist das eine Antwort. Okay. Wenn sich dein Wetter ändert, darfst du deine Karte jederzeit umhängen. Dann entscheidet das Kind selbst.
  4. Und du musst das Gewitter nicht bis zur großen Pause wegbekommen. Gewitter ziehen vorbei. Manchmal reicht es, dass jemand gesehen hat, dass es da ist.

Ein Kind, das sein Gewitter zeigt, hat übrigens etwas ziemlich Mutiges gemacht. Es hätte auch einfach Sonne legen können.

Was uns allen rausrutscht

Es gibt ein paar Sätze, die so nah liegen, dass sie fast von allein kommen. Weil wir wollen, dass es dem Kind besser geht.

Na komm, so schlimm ist es doch nicht.

Jetzt lach doch mal.

Was ist denn passiert? – vor allen anderen.

Keiner davon ist böse gemeint. Aber jeder kann beim Kind ankommen als: Dein Gewitter ist hier eigentlich nicht vorgesehen. Und beim nächsten Mal liegt dann vielleicht doch die Sonne auf dem Teppich.

Wenn dir so ein Satz rausrutscht, ist nichts kaputt. Am nächsten Morgen gibt es eine neue Runde.

Und wenn du selbst Gewitter hast?

Dann darfst du das auch zeigen.

Bei mir ist es heute ein bisschen gewittrig, ich habe mich über etwas geärgert. Das hat nichts mit euch zu tun.

Die Kinder lernen daraus mehr, als jede Erklärung über Gefühle leisten könnte: dass Gewitter auch bei Erwachsenen vorkommt. Und dass der Tag trotzdem weitergeht.

Wenn das Gewitter jeden Tag kommt

Manchmal zeigt ein Kind über Wochen Gewitter. Oder es sagt im leisen Moment etwas, das dich nicht mehr loslässt.

Dann ist das ein Ritual, das seine Aufgabe erfüllt hat: Es hat etwas sichtbar gemacht. Das Weitere gehört nicht mehr in den Morgenkreis, sondern in ein Gespräch mit der Schulsozialarbeit oder der Schulpsychologie. Und wenn du dir Sorgen um das Wohl eines Kindes machst, hast du Anspruch auf eine Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft – ohne dass du den Namen des Kindes nennen musst.

Das Gefühlswetter ist keine Diagnose. Es ist ein Fenster. Was man durch das Fenster sieht, muss man nicht allein tragen.


Probier es morgen aus. Und achte darauf, ob das Kind, das heute Gewitter gezeigt hat, irgendwann von selbst seine Karte umhängt.

Wenn du die Wetterkarten nicht selbst basteln möchtest – der Klassenwetterbericht mit Gewitter, Regenbogen und allem dazwischen ist gerade in Arbeit. Wenn du magst, trag dich auf die Warteliste ein – dann sage ich dir Bescheid, sobald er da ist.

Quellen

  • Gottman, J. M., Katz, L. F. & Hooven, C. (1996). Parental meta-emotion philosophy and the emotional life of families: Theoretical models and preliminary data. Journal of Family Psychology, 10(3), 243–268.
  • Rose, J., Gilbert, L. & McGuire-Snieckus, R. (2015). Emotion Coaching – a strategy for promoting behavioural self-regulation in children/young people in schools: A pilot study. The European Journal of Social & Behavioural Sciences, 13, 1766–1790.
  • § 4 Abs. 2 Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG).